Interview

„Jura erfordert vollen Einsatz – von Anfang an“

Jura hatte schon immer den Ruf, man könne die ersten Semester bedenkenlos genießen, den Rest erledige man beim zwar stressigen, dafür aber zeitlich überschaubaren Besuch eines Repetitoriums kurz vor dem Examen. Mit der Einschätzung, Jura sei ein Spaßstudium, und einigen anderen Irrtümern räumt Vera Laun, Repetitorin in München, auf. Ihr Beruf ist so alt wie die Rechtswissenschaft selbst.

Jura Journal: Die Zahl der Erstsemester in der Rechtswissenschaft ist unverändert groß, obwohl weit über die Hälfte der Anfänger noch vor, spätestens aber im Examen scheitert. Ist das Jurastudium schwierig?

Vera Laun: Ja.

Was macht Jura so schwierig?

Zu erkennen, dass es kein Verlegenheitsstudium ist. Vielen Studierenden wird von älteren Semestern und Verwandten vermittelt, die Scheine seien leicht zu schaffen und es werde erst in den letzten eineinhalb Jahren in der Vorbereitung auf das Examen schwierig – und da geht man dann halt zum Repetitor. Viele glauben, es reicht, dort ein Kursprogramm bestehend aus 150 Fällen zu absolvieren, um das Examen zu bestehen. Aber so ist es nicht, das Studium verlangt vollen Einsatz – von Anfang an.

Man hört immer wieder von dem großen Stoffumfang. Ist Fleiß eine Voraussetzung für das Jurastudium?

Jura erfordert das Durcharbeiten von Lehrbüchern, das Aneignen von Grundlagenwissen und dann das Lösen von Fällen. Das setzt Fleiß und Disziplin vom ersten Semester an voraus und nicht erst in den letzten eineinhalb bis zwei Jahren. Meiner Meinung nach ist alles, was über neun oder zehn Punkte aufwärts geht, definitiv eine Talentfrage kombiniert mit Fleiß. Aber allein mit Fleiß wird man auch auf kein großes Prädikat kommen. Man braucht auch Talent.

Welche Talente sind wichtig?

Wichtig ist Transferdenken, weil es nicht reicht, Definitionen auswendigzulernen. Man sagt, für das Transferdenken würde gut sein, wenn man Latein beherrscht. Hilfreich sind außer Deutsch auch Geschichte und Politik, ein gutes Allgemeinwissen in Sozialkunde. Die drei Gewalten sollten bekannt sein, jeder Erstsemester muss wissen, dass es Legislative, Judikative und Exekutive gibt. Erschreckend viele Studenten wissen das im dritten Semester noch nicht. Ferner sollte man ein gutes Rechtsgefühl entwickeln – etwas, das vielen Studenten fehlt.

Es heißt immer, besondere Voraussetzungen braucht man gerade für Jura nicht mitzubringen.

Das stimmt nicht. Man sollte gute Deutschkenntnisse haben, sicher sein in der deutschen Sprache bei Formulierung und Grammatik. Nicht nur bei Studierenden mit Migrationshintergrund, sondern auch bei deutschen Studenten ist das ein großes Problem. Rechtschreibung und Zeichensetzung sind bei vielen jungen Leuten eine Katastrophe. Stil, Aufbau, Sprache, Schriftbild, da fängt es schon an – es wird wahrscheinlich viel zu viel am Computer gearbeitet. Sprache muss sitzen.

Warum ist Jura dann als Verlegenheitsstudium so beliebt?

Weil es ein unheimlich breites Fach ist, weil man mit Jura nicht nur die klassischen Juristenberufe wie Notar, Staatsanwalt, Richter und Rechtsanwalt ergreifen kann, sondern man kann in die Politik, in die Wirtschaft, in ein Unternehmen gehen. Man kann Lektor werden in einem Verlag oder Fernsehkoch wie Alfred Biolek, man kann – siehe Gerhard Schröder – Bundeskanzler werden. Das Berufsangebot ist unheimlich breit, aber das täuscht, weil die wenigsten so begabt sind wie Alfred Biolek oder Gerhard Schröder. Für die meisten läuft es auf die klassische Juristenkarriere hinaus und da zählen dann die Note und die Begabung.

Zählt in Jura tatsächlich nur die Note?

Wenn man nicht die Begabung hat, seinen Unterhalt als Schriftsteller verdienen zu können oder als Fernsehkoch, ja, dann zählt nur die Note.

Machen sich Studienanfänger Gedanken über die Dauer, die Schwere, die Intensität des Studiums?

Die Mehrheit beginnt blauäugig.

Die hohe Durchfallquote im ersten Staatsexamen zeigt, dass viele Studenten zögern, das Jurastudium aufzugeben. Ganz bitter wird es, wenn man im zweiten Staatsexamen scheitert und nach sechs oder sieben Jahren ohne Ausbildung dasteht. Warum halten so viele so lange durch?

Dass Rechtsreferendare im zweiten Examen endgültig scheitern, ist selten. Viele Studierende scheitern allerdings an der Zwischenprüfung im vierten bzw. nach dem sechsten Semester. Man muss aber auch sehen: Talent, Begabung, Begeisterung muss man erst entwickeln. Es kann auch persönliche Gründe geben, warum man im ersten Jahr noch nicht so engagiert studiert hat. Ich rate niemandem, nach ein oder eineinhalb Jahren bei schlechten Ergebnissen zum Abbruch, das ist zu früh. Nach zwei, zweieinhalb oder drei Jahren kann man ein Urteil fällen. Wer es sich gut überlegen sollte, sind die, die nach sechs Semestern mit einem letzten Versuch für die Zwischenprüfung zu kämpfen haben.

Kannst Du näher beschreiben, was voller Einsatz in zeitlicher Hinsicht konkret heißt?

Bei der Erstellung eines Lernplans rate ich meinen Studenten, sich mit jemandem zu vergleichen, der nach dem Abitur eine Lehre gemacht hat. In einer Bankkaufmannslehre gilt die 40-Stundenwoche. Das Studium ist kein Halligalli und kein Freibrief. Gerade in München, einer Stadt, die unheimlich viel bietet, ist die Einschätzung des Studiums als Teilzeitjob mit einer 20-Stundenwoche eine große Gefahr. Rechnet man die 20 Stunden dann auch noch brutto, kommt man netto auf 14 – 15 Lernstunden.
Niemand kann acht Stunden ohne Pause durchlernen. Es sind also 40 Stunden brutto nötig, um auf eine 30 Stunden-Netto-Lernwoche zu kommen. Bei einer Fünftagewoche ist man da bei sechs Stunden netto Lernen am Tag – vielleicht nicht vom ersten Semester an, das wäre übertrieben. Aber spätestens ab dem zweiten Semester, wenn die wichtigen Zwischenprüfungen im Öffentlichen Recht und im Zivilrecht anstehen.

Zählen bei diesen Lernzeiten die Vorlesungen mit?

Die Vorlesungszeiten zählen bei diesen Lernzeiten nicht mit. Man sollte bei der Auswahl der Vorlesungen selektiv vorgehen und nur gute und wichtige Vorlesungen besuchen.

Wird der Zeitaufwand von den Studienanfängern unterschätzt?

Die ersten Semester werden unterschätzt. Eltern, Verwandte, ältere Kommilitonen sagen oft: „Stress dich nicht so.“ Oft wird ein falsches Bild vermittelt, ältere Semester sagen auch nicht immer die ganze Wahrheit. Da macht man auf „cool“ und sagt: „Die ersten sechs Semester habe ich gar nichts gemacht.“
In Wahrheit hilft nur, die wichtigen Lehrbücher diszipliniert und vollständig von vorne bis hinten durchzuarbeiten und nicht nur irgendwo reinzuschmökern – auch wenn fortgeschrittene Semester gerne den Eindruck vermitteln, es sei mit dem Lesen von Fällen getan.

Viele Studierende schätzen also den Aufwand und sich selbst falsch ein?

Genau. Und das ist auch, was ich in meinen Coachings mache: Selbsteinschätzung, Fremdeinschätzung. Sag mir, wo glaubst du, dass du stehst. Dabei gibt es ganz interessante geschlechterspezifische Unterschiede. Bei Männern findet man oft eine wahnsinnige Selbstüberschätzung nach dem Motto: „Ich stehe nicht schlechter da als die Anderen in meinem Semester“. Wenn ich Kontrollfragen stelle, Fälle präsentiere, Antworten möchte, sehen wir dann, was für eine Diskrepanz es zur Fremdeinschätzung gibt.
Bei den Studentinnen, den Referendarinnen, wächst das Selbstbewusstsein meistens nach einem bestandenen Staatsexamen, aber bei jungen Studentinnen beobachte ich eine oft zu schlechte Selbsteinschätzung. Diese Mädchen coache ich dann und baue sie auf, weil sie durch Selbstunterschätzung eher unter Prüfungsangst leiden.

Ist die Zwischenprüfung so schwer?

Der kleine BGB-Schein und der kleine Schein im Öffentlichen Recht im zweiten Semester werden mit Bestehen einer Hausarbeit und einer Zwischenprüfungsklausur erworben. Da fallen – wie auch im Staatsexamen – zwischen 30 und 40 Prozent durch. Die Gescheiterten dürfen dann sechs Wochen später die Wiederholerklausur schreiben, im Sommer oft bei 35 Grad. Es bleiben nur wenige Wochen Zeit, um sich auf den Wiederholungsversuch vorzubereiten und die Wahrscheinlichkeit des Nichtbestehens liegt wieder bei 30 bis 40 Prozent. Nicht wenige haben dann nur noch einen letzten Versuch ein Jahr später.

Dann kommt die Angst vor dem Aus?

Es ist eine hohe Durchfallquote, die es sehr wahrscheinlich macht, dass man schnell zu den Kandidaten für den letzten Versuch einer Zwischenprüfung gehört.

Die Studierenden haben doch alle bereits das Abitur bestanden. Und dann scheitern sie an einer Zwischenprüfung?

Alle Studierenden haben zwar das Abitur bestanden, aber mit sehr unterschiedlichem Ergebnis. Der Numerus Clausus bei Jura variiert zwar von Jahr zu Jahr und von Universität zu Universität, ist aber auch mit einer unterdurchschnittlichen Abiturnote gut zu schaffen. Wo der Numerus Clausus wie in Medizin bei 1,0 liegt, sieht man einen Unterschied in der Zusammensetzung der Studierenden. Man muss das so sagen, es studieren einfach viel mehr Faule Jura als Medizin.

Wer studiert dann Jura?

Erstens viele mit eher schlechter Abiturnote und viele, denen die Motivation z. B. für ein Ingenieurstudium fehlt. Oft auch Kinder, deren Eltern Juristen, vielleicht Anwalt oder Staatsanwalt sind.

Hilft die Universität nicht bei der Vorbereitung auf die Prüfungen?

Die Unis wären überfordert, alle diese Leute mit solchen Defiziten mitzunehmen. Die Universitäten machen zu wenig, aber es ist auch nicht realistisch, alle durchzubringen.

Ein enormes Arbeitspensum, dazu hohe Anforderungen, eine lange Ausbildung mit Alles-oder-nichts-Examen ganz am Ende: Kann Jura auch Spaß machen?

Es ist ganz interessant, welche regionalen Unterschiede es gibt. 40 Prozent fallen durch das Staatsexamen. Für die war es ein Spaßstudium, das beobachte ich gerade bei den Münchner Studenten. Bei den Passauern, die ich auch gerne betreue, sieht es anders aus. Studenten der Universität Passau kommen meistens mit großem Engagement und Ehrgeiz zu mir und kämpfen um neun Punkte – aber sie kämpfen nicht um das Bestehen.

Was muss man sich unter Einzelcoaching vorstellen, was kann ein solches Coaching leisten?

Im Einzelcoaching kann ich zunächst die Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdeinschätzung herausfiltern. Es gilt zu erkennen: Wo stehe ich mit meinem Wissen, was sind meine Defizite, Stärken, Schwächen. Das arbeiten wir heraus. Dann kann man im Zweiergespräch ganz offen über alles sprechen, was sich in der Gruppe keiner trauen würde. Ich kann dann offener sein und auch mal sagen: Dein Deutsch ist eine Katastrophe, kaufe dir einen Füller und schreibe nicht mit Kugelschreiber, deine Schrift ist die letzte Sauklaue.
Schließlich erstelle ich – gerade hier in München – ganz konkrete Fahrpläne für eine Fünftagewoche: Wann stehe ich auf, wann beginne ich das Lernen, wann mache ich meine erste Pause? Das wird minuziös aufgeschrieben und die Studenten lieben diese Fahrpläne. Sie orientieren sich daran und geben mir zwei, drei Wochen später ein Feedback, warum es ihnen nicht gelungen ist, das 40-Stunden-Pensum einzuhalten, was sie besser machen könnten usw. Im Einzelcoaching arbeitet man an Details.
Manche kommen auch nur, um Fragen stellen zu können. Sie fragen, was sie inhaltlich nicht verstehen und ich beantworte das.

So streng an die Hand genommen zu werden, das haben sich viele doch kurz zuvor in der Schule noch verbeten?

Das geht auch nicht mit jedem. Mit Individualisten kann man das nicht machen.

Die große Bandbreite an Berufen, die Juristen offen steht, mag attraktiv sein. Aber sehr viele werden – auch wegen der Note – gar keine andere Möglichkeit haben, als den Anwaltsberuf zu ergreifen. Verspricht das Fach Jura da nicht mehr als es halten kann?

Das stimmt. Die meisten sagen mir im zweiten Semester, sie wissen noch nicht, was sie werden wollen. Und sieben Jahre später sehe ich sie dann in einer kleinen Anwaltskanzlei oder beim ADAC in der Sachbearbeitung für Verkehrsunfälle. Jura verspricht für die, die mit 4 Punkten abschließen und durch nichts die Note ausgleichen – Auslandsaufenthalte, ein MBA – zu viel. Immerhin kann man mit vier Punkten an manchen Universitäten schon promovieren. Aber nur zweimal vier Punkte, das ist zu wenig.

Die Universitäten mussten vor einigen Jahren viel Schelte einstecken, weil sie nicht genügend für die Förderung der Studierenden tun. Hat sich durch die Einführung der Studiengebühren die Lehre verbessert?

Ich habe den Eindruck, dass die Lehre in Bayern besser geworden ist, was Materialien betrifft. Den Studenten werden bessere Unterlagen mit auf den Weg gegeben als früher. Es gibt heute auch mehr Arbeitsgemeinschaften. Aber Jura ist immer noch ein Massenstudium und z. B. die LMU in München immer noch eine Massenuniversität.

Macht es einen Unterschied, an welcher Universität man studiert?

Was die bayerischen Universitäten betrifft, nein. Ich erkenne aber große Unterschiede, wenn ich Remonstrationsschreiben fertige oder Arbeiten von Studenten aus Schleswig-Holstein oder Bremen sehe. Da entsteht manchmal der Eindruck, dass das Bereicherungsrecht Wahlfach ist und abgewählt werden kann. Auch die Bandbreite des Pflichtfachstoffes ist in manchen Ländern – z. B. in Schleswig-Holstein – viel kleiner. Familienrecht, Erbrecht, Fächer, die man in Bayern aus dem Effeff beherrschen muss, werden in anderen Ländern nur am Rande erwähnt.

Es gibt große Unterschiede, was den Umfang des Stoffs und die Schwierigkeit der Prüfungen in den verschiedenen Ländern angeht?

Ja, und auch in der Gestaltung der Prüfung. Vor einigen Jahren war es in Schleswig-Holstein noch so, dass für das Staatsexamen drei Klausuren und eine Examenshausarbeit genügten. In einigen Ländern ist das Staatsexamen immer noch viel einfacher als in Bayern.

Hast Du eine Empfehlung für Studienanfänger?

Von Anfang an für die Fächer, bei denen die Prüfung ansteht, die entsprechenden Lehrbücher, vor allem die Klassiker, vollständig durchzuarbeiten und im Anschluss das Wissen an Hand von Fällen zu trainieren.

Vera, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview ist erschienen in Jura Journal 3/2012.